frauenweb.at [HOME]
 
Internet von Frauen für Frauen. [ Diskussion ] [ Web ] [ Publikationen ] [ Geschichte ] [ Net ]
Login

publikation auf frauenweb.at

Vorsicht, Bioethik?1

Erschienen in: Planet, Zeitung für politische Ökologie, Nr. 10, 1999. S. 14.

Beim Begriff Bioethik könnte man an eine Ethik des Lebens denken, an Fragen nach Leben und Tod, der Bedeutung von Schmerz und Leid, dem Recht auf Selbstbestimmung. Das vorherrschende internationale Verständnis in Politik, Biowissenschaften und Philosophie ist jedoch ein anderes.

Seit den 60er Jahren machte die Medizin bedeutende Fortschritte. Beispielhaft seien hier die Dialyse, künstliche Beatmung, Organtransplantationen, Pränataldiagnostik und Intensivstationen genannt. Der Tod, der früher meist zu Hause eintrat, wurde zum Tod im Spital. Die Medizin wurde von einem diagnostischen, palliativen Werkzeug zu einem, das Krankheiten heilt und den Tod bezwingt, zumindest für eine gewisse Zeitdauer. Mit diesen Entwicklungen einher ging die Hoffnung nach der Überwindung der natürlichen Grenzen des Menschen, von Problemen, die die Natur des Menschen (der Körper) aufwirft, wie Altern und Krankheiten. Es herrschte eine Aufbruchstimmung zu von allen Schranken befreiten, selbstbestimmten Individuen. Der medizinische Fortschritt wurde Teil davon. Mit den Möglichkeiten der modernen biotechnischen Medizin traten medizinische Allmachtsphantasien vom leidensfreien, defektfreien Menschen auf den Plan. Diese Vorstellungen wurden und werden im Zusammenhang mit realen Forschungsfortschritten gefördert und verbreitet. Der Beginn des menschlichen Lebens, aber auch sein Ende, scheint heute in die Disposition des Menschen gestellt zu sein. Damit aber auch die Frage, wie wir mit dieser Verantwortung umgehen können.

Schon in den späten 60er Jahren fanden sich in den USA Humanforscher, Philosophen und Theologen zusammen, denen klar geworden war, daß die sich abzeichnende molekularbiologische Revolution und der daraus erhoffte weltweite Markt an den religiösen und menschenrechtlichen Traditionen des chrisitlichen Westens scheitern müßten, erst recht an den Traditionen anderer Kulturkreise. Über eine nun 25 Jahre dauernde Konferenzkultur, über Forschungs- und Beratungsaufträge, transnationale und nationale Ethikkommittees wurde jene weltweite Diskursbasis geschaffen, die den Pionieren vorschwebte. Die Aufgabenbeschreibung der Bioethik-Beratergruppe der Europäischen Kommission kann stellvertretend für viele Politik-Beratungsgruppen stehen: Dort wird befürchtet, "daß die Konfusion, die die ethische Debatte umgibt, das allgemeine Klima für die industrielle Entwicklung der Biotechnologie negativ beeinflussen könnte2." Mit der Einsetzung der Beratergruppe war das Ziel der "Schaffung von Akzeptanz für die Gentechnologie und (...) Verwirklichung eines einheitlichen Marktes für die Gentechnologieprodukte3" verbunden. Eine Aufgabe dieser Bioethik lautet also: Marketing für Biotechnologien.

Zwischen Nützlichkeit und Moral

Im weltweiten bioethischen Diskurs lassen sich zwei Hauptströmungen unterscheiden, die als utilitaristisch bzw. deontologisch bezeichnet werden. Der Utilitarismus könnte eingedeutscht als Nützlichkeitsstandpunkt bezeichnet werden. Motto: "Der Zweck heiligt die Mittel." Es ist dies eine ethische Lehre, deren Vertreter den Zweck des sittlichen Handelns der Menschen darin sehen, zum Glück der meisten beizutragen und dadurch "nützlich" zu sein. Historisch entstand der Utilitarismus als politische Herausforderung gegen die Privilegien von Aristokraten und Reichen, deren Eigentum bei gerechter Verteilung dem Wohlergehen vieler hätte dienen können. Das Wohlergehen der großen Mehrheit steht also im Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Rechnung sollen die vorhandenen Ressourcen optimal eingesetzt werden. Das klingt zunächst ganz gut.
Doch Vorsicht, Falle! So fallen etwa Vorschläge von Versicherungen, Gebühren je nach persönlichem Risiko zu gestalten (RaucherInnen, Dicke, Alte,... zahlen mehr!) ganz klar unter diese Kategorie. Allgemeiner formuliert: alle Argumentationen, die darauf hinauslaufen "Wie kommen die anderen dazu, für den/die mitzuzahlen, wenn der/die nicht selbst aufpaßt und das Risiko geringhält?".
Ein praktisches Beispiel: Unter einem utilitaristischen Gesichtspunkt wurden in den frühen 80er Jahren in den USA Kriterien für die Auswahl zur Transplantation erstellt, die explizit AlkoholikerInnen, Arbeitslose, PsychiatriepatientInnen und Menschen mit "antisocial behaviour" ausschlossen, weil deren Chancen, lange zu überleben gering wären.

Die zweite Strömung wird mit dem griechischen Begriff Deontologie bezeichnet, was mit Pflichtenlehre zu übersetzen wäre. Ihr Motto: "Die Mittel sind heilig, der Zweck ist egal." Die Beschäftigung mit Fragen der Pflicht, der (insbesondere moralischen) Normen, Imperative, Gebote usw. steht hier im Mittelpunkt.
In solchen Ansätzen gibt es ein Set von unverrückbaren Regeln in festgelegter Reihenfolge. (Die 10 Gebote stellen z.B. ein solches Regelwerk dar.) Deontologischen Theorien sind moralische Verpflichtungen, die unser Handeln bestimmen. Nicht persönliche Vorteile für uns oder andere machen die moralischen Vorgaben verbindlich, sondern Erfordernisse der Vernunft bzw. aus moralischer Einsicht sich ergebende Verpflichtungen. Es ist dabei egal, welche Folgen dieses moralische Handeln für uns oder andere hat. Hier liegt auch das Problem eines solchen Ansatzes. Allgemein gültige moralische Werte erlauben zwar, Regeln festzuschreiben, berücksichtigen jedoch den individuellen Fall überhaupt nicht. Darüber hinaus gibt es keinen externen Standard als Maß für moralische Vorgaben.

Ein Beispiel dazu: das Leben wird als absoluter Wert definiert. Klingt gut. Heißt jedoch automatisch, daß ein Patient/ eine Patientin eine mögliche Behandlung in gar keinem Fall verweigern kann. Dies würde den Nürnberger Code - das Prinzip des informed consent - außer Kraft setzen4.

So unterschiedlich die oben angeführten Ansätze sind, so wenig unterscheiden sie sich in ihren Grundanschauungen und Folgerungen. Die Bioethiker unterscheiden zwischen vollgültigen Personen und Menschen mit aus ihrer Sicht fehlerhaften Eigenschaften. Pränatale Diagnostik und gentechnische Therapien werden als Möglichkeit zur Ausmerzung jeder Art von Behinderung begrüßt. Wissenschafter und Staat ziehen sich dabei elegant aus der Affäre, die Entscheidung über lebenswertes oder lebensunwertes Leben wird den einzelnen Frauen aufgebürdet. Auch am Ende des Lebens tauchen ähnliche "Entscheidungsmöglichkeiten" auf.

Eine weitere Kernthese der Bioethik ist jene von Forschungsfreiheit und Menschenwürde. Jede Forschungsverzögerung würde der Menschehiet, nach dieser Logik, die "Segnungen des wissenschaftlichen Fortschrittes" unverantworlich lange vorenthalten. So wird, trotz Protesten und anderslautenden Beteuerungen, felißig an Projekten wie der Klonierung von Menschen oder der Patentierung menschlicher Gene weitergeforscht. Natürlich interessiert dabei nicht mehr das Schicksal des einzelnen Menschen, sondern nur noch die "Weiterentwicklung" des homo sapiens. Das bedeutet eine Neudefinition des Begriffes "Mensch" - weg vom Individuum hin zu "der " Mensch als Vertreter einer Spezies.

Die Hauptströmungen der Bioethik bauen auf dem biomedizinischen Menschenbild auf. Dabei werden Funktionsstörungen auf biomolekularer Ebene gesehen, die unsere Sinne nicht ohne Hilfsmittel erfassen können. Lebensanfang (definiert als die Befruchtung des Ei´s, nicht mehr als der Zeitpunkt der Geburt) und Lebensende (definiert als Hirntod, nicht mehr als wahrnehmbarer Herztod) sind der menschlichen Wahrnehmung entzogen. "Gesundheit" wird zur individuellen Leistung, wobei genetisches Potential und biomedizinische Technologie optimal abgestimmt werden müssen. Soziale Lebensverhältnisse und Umwelteinflüsse werden ausgeblendet. Im biomedizinischen Bild vom Menschen gelten Krankheit, Behinderung und Leid als "Normabweichungen", die es zu beseitigen gilt. Ziel der Bemühungen ist der krankheitsfreie Mensch.

"Ethics of Care"
Abseits der "Mainstream- Bioethik" etnwickelte sich seit den 70er Jahren eine feministische Ethik. Vor allem die Berichte aus der Praxis der Krankenschwestern trugen zu einer fundamentalen Kritik am bestehenden Gesundheitssystem bei. Das Bedürfnis, sich auch emotional von den Folgen der Dauerpflege wechselnder, schwerkranker Personen zu befreien, mag dazu beigetragen haben. Hauptansatzpunkt war, daß der Patient/ die Patientin von seiner/ihrer Krankheit getrennt wird, so daß die Krankheit bestens versorgt ist, menschliche Fürsorge aber zunehmend verschwindet.

Die Feministinnen postulieren, daß Männer über Ethik und Moral in Kategorien von Recht, Justiz und Autonomie denken, während Frauen eher in Kategorien von Verantwortung, Sorge und Beziehungen zueinander denken. Frauenethik konzentriert sich stark auf Sorge, um bestimmte Menschen im nahen Umfeld wie Verwandte oder Freunde, ohne dabei, wie es Utilitaristen oder Deontologen tun, gleich die gesamte Menscheheit einzuschließen.

Die Feministinnen stellten angesichts solcher Prinzipien fest, daß hier eine genuin männliche Rationalität am Werke sei, die als Grundlage der Beurteilung moralischer Systeme herangezogen wird. Es ist die Rationalität, die weiße Mittelklassemänner als solche definieren und anerkennen. In unserer patriarchalen Gesellschaft werden die Erfahrungen und Urteile von Frauen ebenso systematisch ausgeschlossen wie die von ethnischen oder religiösen Minderheiten. "Be caring & act caringly" könnte als Zusammenfassung einer Ethik stehenm wobei nicht das Prinzip im Mittelpunkt steht, sondern die Individuen und deren Interessen. "Sorge tragen" bedeutet, über die Fähigkeit zu verfügen, zu bemerken, daß da jemand ist, der Bedeutung hat, also wichtig ist. Die "ethcis of care" eignen sich durch ihren am Individuum orientierten Ansatz natürlich kaum für die Festlegung gesetzlicher Rahmenbedingungen, dort werden weiterhin die Bioethiker den Ton angeben. Ihrem technoiden Weltbild kann nur dirt, wo tatsächlich Menschen handeln undEntscheidungen treffen, in der täglichen medizinischen Praxis, entgegengetreten werden. Von dort kann dann auch Einfluß auf den gesellschaftlichen Diskurs genommen werden.

1 Dieser Artikel befaßt sich ausschließlich mit der international etablierten Bioethik, deren Geschichte weiter unten dargestellt ist. Alternative Ansätze wie etwa die "Ethics of Care" oder ein "feministische Bioethik" werden aus Platzgründen nicht aufgeführt. Ihr Einfluß auf den Mainstream-Diskurs ist bis heute gering, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß sie das biomedizinische Menschenbild teilweise ablehnen. Ebenfalls unerwähnt bleibt im Artikel jener Ansatz, der eine Bioethik im Weltmaßstab fordert und die drängenden Gesundheitsprobleme der sog. 3.Welt in den Mittelpunkt stellt.
2 European Commission´s Group of Advisers on the Ethical Implications of Biotechnology, Activity Report 1991-93.
3 ebd.
4 Im Nürnberger Code von 1947 wurde, angesichts der ärztlichen Praxis während der Nazizeit, die Verantwortung für medizinische Entscheidungen vom Arzt weg hin zu den PatientInnen verlagert. Der "informed consent", also eine Einwilligung der PatientInnen nach Aufklärung durch den Arzt/die €rztin, wurde darin festgeschrieben. Des weiteren, daß bei Versuchen am Menschen überflüssiges Risiko vermieden werden muß. Der heute noch gültige Standard der Selbstbestimmung durch das Individuum wurde damit geschaffen.

publikationen
Publikationen - Home
frauenweb Tips
Feministische Themen
     Ernährung
     Geschichte
     Sprache
     Technikkritik
Gender
Geschichte
Informatik
Psychologie

  HOME |  DISKUSSION |  WEB |  PUBLIKATIONEN |  GESCHICHTE |  NET  
last updated 29.9.2000